Tiefenentspannung nach SYSTEMA Prinzipien (Systema-”Massage”)

Beinahe jeder ist schon einmal in den Genuss einer Massage gekommen. Wer nicht, sollte es unbedingt nachholen. Du kannst dich sicher erinnern wie sich dein Körper nach der Massage angefühlt hat und wie lange dieses Gefühl angehalten hat. Und schon sind wir beim ersten Aspekt der Wirkung jeder Massageform. Es geht um das Körpergefühl, im SYSTEMA würde man auch vom physischen und psychischen Zustand sprechen. Allgemeine Zufriedenheit, Entspannung, Gelassenheit, freie Atmung, eine gewisse Schwere, aber dennoch Wachsamkeit.

Eine Massage kann auf verschiedene Art und Weise durchgeführt werden, sodass der jeweilige Zustand beeinflusst wird. So kann man die Person derart entspannen, dass jede Bewegung schwer fällt und nur noch das Bedürfnis nach Schlaf herrscht. Eine Massage kann aber auch extrem erweckend wirken, sodass alle Sinne hellwach sind und das Nervensystem in größter Bereitschaft ist. Meist pendelt sich der Zustand nach der Massage zwischen diesen beiden Extremen ein, und wird zu einer katzenähnlichen entspannten Leistungsbereitschaft.

Welche Ansprüche sollte nun eine Massage für einen Kampfkünstler haben, wenn er auf seinem Kampfkunstweg voranschreiten möchte, insbesondere im SYSTEMA? Da SYSTEMA nicht nur Kampfkunst ist, sondern in gewissem Maße auch eine Lebenskunst, ist der Anspruch sehr hoch.

Beginnen wir mit der Kampfkunst. Der Körper muss so beschaffen sein, dass er frei beweglich ist. Nötig sind dafür entspannte Schultern zur Ausführung und Aufnahme von Schlägen. Entspannte und bewegliche Hüften und Wirbelsäule sind wichtig, um sich in alle Richtungen verformen und bewegen zu können, egal in welcher Lage man sich befindet, ob im Stand, am Boden, im Sitzen oder angelehnt an einer Wand.

Die Sehnen und Faszien, welche die kinetische Energie in sich tragen, müssen geschmeidig und zugleich extrem belastungsfähig sein. Wenn man sich in einem Hebel befindet, so sollten die Sehnen dieser Belastung kurzzeitig bis zu einem gewissen Grad standhalten können, um in der Lage zu sein sich befreien zu können. Die Faszien speichern Energie, wenn sie durch regelmäßige Belastungen beansprucht werden. Sie neigen aber auch dazu sich durch Anspannung, egal ob physischer oder psychischer Natur, zu verkleben.

Starke Faszien setzen enorme, nahezu übermenschliche Kräfte frei. Man erinnere sich nur an die starken Männer der früheren Jahrmarkt, die 80kg schwere Kanonenkugeln mit bloßen Händen gefangen haben oder Ketten mit der Anspannung des Brustkorbes zerrissen haben oder sich von Autos bei 30kmh überfahren ließen und all dies auch überlebten.

So sehen auch die Bewegungen erfahrener SYSTEMA Ausbilder zwar entspannt und mühelos aus, wer aber in den Genuss gekommen ist, diese Entspannung am eigenen Leibe zu erfahren, weiß welche Kräfte in diesen scheinbar kraftlosen Bewegungen stecken.

Es wird hoffentlich durch diese Erklärungen deutlich, wie eine Massage aussehen soll, um einen „SYSTEMA-Kampfkörper“ vorzubereiten. Faszien werden voneinander gelöst, was meist schmerzhaft ist und angestautes Blut zwischen dem verklebten Gewebe an die Oberfläche treibt. Man gibt Druck ins Gewebe und dehnt gezielt verspannte Körperbereiche. Denn Faszien werden durch Druck und Zug elastisch und kräftig.

Jetzt haben wir einen Körper vorbereitet, doch wie sieht es mit der Psyche aus, mit unseren Gedanken und Emotionen? Der Geist beherrscht den Körper, was zumindest angestrebt ist … Gewisse Emotionen oder Überzeugungsmuster verspannen auf bestimmte Art und Weise Strukturen des Körpers. Darüber gibt es wissenswerte Bücher und Tabellen, welche Emotionen mit welchen Körperarealen übereinstimmen. Bewusste und unbewusste Angst, zum Beispiel, verspannt und schwächt die Beine und den Unterleib. Ausgelebte oder innere Wut verspannt den Oberkörper und die Schultern.

Um hierbei ein psychisches Gleichgewicht zu schaffen, arbeitet man bei der SYSTEMA-Massage nicht mit psychotherapeutischen Interventionen, wie der Gesprächstherapie zum Beispiel, sondern durch unbewusste Konfrontation, man übt intensiven Druck auf den Körper aus. Der Schlüssel zur Verarbeitung hierbei ist unsere Atmung. Bei Druck ins Gewebe, also gleichsam auf die gestaute unbewusste innere Emotion, kann nur Atmung diesen Stau auflösen. Manchmal drängen sich dabei  Emotionen oder bestimmte Gedankenmuster in den Vordergrund des Bewusstseins. Man erreicht verklebtes  Gewebe auch durch einen Vibrationsreiz, deshalb auch teilweise der Einsatz einer Waffe bei der SYSTEMA-Massage. Die Verbindung zu unserem unbewussten Geist ist also die Atmung. Während einer SYSTEMA-Massage erlebt man manchmal, dass die Atmung beginnt wie von alleine zu funktionieren und sich je nach Bereich, an dem man gerade arbeitet, zu ändern. Mal ist die Atmung flach und schnell, mal ist sie tief und langsam und mal setzt sie komplett aus.

Zusammenfassend kann man sagen, eine Massage entwickelt den SYSTEMA Trainierenden sowohl auf seinem Kampfkunstweg, als auch seinem Lebensweg. Verklebte Faszien und Gedanken werden gelöst und befreit. Man verliert Angst vor Druck, egal ob dieser von innen, durch eigene Sorgen oder von außen durch psychische Überlastung oder physische Krafteinwirkung kommt. In einem entspannten Zustand hält man mit Leichtigkeit seine Form und freut sich eines jeden Atemzuges.

Dmitrij Schloss

 

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